A c h t u n g , S a t i r e !
Als Erziehungsberechtigte künftiger Champions hat man’s wirklich nicht leicht. Da trägt man schwer an der Verantwortung für ein Talent, das selbst Steffi Graf vor Neid erblassen lässt. Und was passiert? Ärger. Nichts als Ärger.
Das fängt schon in der Schule an. Immer dann müssen die ihren Unterricht veranstalten, wenn Training oder Turniere anstehen. Unlängst hab’ ich mich beim Direktor beschwert, weil wir wegen idiotischer Fächer wie Mathe und Deutsch wieder mal Sonderurlaub beantragen mussten. Sagt der Kerl doch, dann müsse er den Fußballern auch frei geben. Als ob das dämliche Gekicke irgendjemanden interessieren würde! Außerdem, meint er, solle ich mir mal die Noten meiner Kleinen anschauen. Na ja. Mickrige vier Punkte in Französisch.
Guter Mann: Die Turniersprache ist Englisch. Da hat sie doch fünf Punkte. Das reicht fürs Sign-In und um den Schiri zu verstehen – mehr muss nicht. Jetzt wollen die Verrückten auch noch durchgehend am Nachmittag unterrichten. Gibt’s denn nichts anderes außer Schule?
Schlimm genug, dass wir sie vor dem Neid und der Missgunst ihrer Mitschüler bewahren müssen. Dass sie auf keinen Geburtstag mehr eingeladen wird, können wir daher gut verschmerzen. Und nach der zweiten Absage fragt auch niemand mehr, ob sie Lust zum Spielen hat. Ist ja auch viel besser, wenn sie stattdessen noch ein paar zusätzliche Trainingseinheiten schiebt. Sie hat ja nur ein paar Jahre Zeit, um ganz nach oben zu kommen.
Ja meint denn jeder, wir würden das alles aus Spaß an der Freude machen? Die Fahrerei, die vielenStunden am Spielfeldrand, der Stress mit den Ignoranten vom Verband? Unser Kind soll es einmal besser haben. Deshalb tun wir alles – und ich meine wirklich alles, damit sie erfolgreich ist. Und wenn dabei etwas für die Familie abfällt, kann das doch nicht verkehrt sein. Wer zahlt denn die ganzen Spesen– außer den paar miesen Kröten Zuschuss vom Verband? Sollen wir bei Turnieren etwa nur noch in Vier-Sterne-Hotels absteigen, bloß weil niemand in der Lage ist, das wahre Können unserer Kleinen zu erkennen?
Die Krone hat dem Ganzen neulich ein Turnier aufgesetzt. Natürlich ist unser Goldstück nur so durch die Runden marschiert. Ent-zü-ckend. Und das Endspiel – eigentlich nur noch Formsache. Dann war die Gegnerin aber fast einen Kopf größer und viel kräftiger. Dass man so was überhaupt erlaubt! Gespielt hat sie ja ganz nett, die andere. Nur mit den Regeln stand sie auf Kriegsfuß. Wie oft die unserer Kleinen einen Ball ausgegeben hat – mir haben die Haare zu Berge gestanden. Was, bitteschön, sind denn schon ein paar Zentimeter? Muss man denn päpstlicher sein als der Papst? Unser Mädchen hat solche Bälle auf ihrer Seite selbstverständlich gutgegeben. Als dann auch noch deren Eltern handgreiflich wurden, weil wir wieder mal nach dem Ballabdruck gesehen haben, war’s höchste Zeit für den Oberschiedsrichter.
Den mussten wir erstmal suchen. Stand irgendwo rum und hat gelassen zugeschaut. Eine halbe Stunde hat es gedauert, bis er endlich kapiert hat, worum es ging. Hat es wohl trotzdem nicht so recht verstanden. „Jeder schiedst auf seiner Seite“, hat er gesagt. Als ob das bei so einer unfairen Gegnerin und ihren neurotischen Erzeugern so einfach wäre!
Das Spiel ging natürlich so weiter wie bisher. Zwischendurch habe ich meiner Tochter öfter mal gesteckt, wie sie spielen muss. Naja, und die „99 miesen Tennis-Tricks“ kennt sie ja ohnehin aus dem Effeff. Das Publikum jedenfalls hat immer zustimmend gezischt. Vergebens! Am Ende hatte unser Schatz verloren. Unter diesen Bedingungen kein Wunder. Zur Siegerehrung sollten sich alle zum Gruppenbild aufstellen. Für uns kam das nun wirklich nicht in Frage. Da haben wir die Kleine geschnappt und uns in aller Form verabschiedet. War ja auch nicht mehr mit anzusehen, wie enttäuscht sie war, weil sie so ungerecht behandelt worden war. Nicht auszudenken, wenn später solche Aufnahmen einer Weltranglisten-Ersten kursieren. Und dann produzieren sich die anderen auch noch vor der Kamera.
Wahre Champions haben das nicht nötig. Man sieht sich immer zweimal im Leben: Wir sprechen uns wieder. In Wimbledon. Wir sehen uns.
Ludmilla Longline
Mit Genehmigung des HTV entnommen aus TOP SPIN Nr.185
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